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Quelle: rbb-online.de

Auswirkungen der Pandemie auf Frauen erforschen

"Die Coronakrise macht doch deutlich, dass es in erster Linie Frauen sind, die mit 75 Prozent Frauenanteil in den systemrelevanten Berufsgruppen vertreten sind. Sie sorgen maßgeblich dafür, dass das Leben trotz Coronakrise weitergeht. Dafür verdienen sie mehr als Klatschen und Hochachtung; sie brauchen eine Entlohnung, die ihrer Verantwortung und Leistung entspricht." sagt Ines Schmidt.

63. Sitzung des Abgeordnetenhauses von Berlin, 17. September 2020

Zu "Wissenschaftliche Studie zur Erforschung der geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Coronapandemie für Berlin" (Priorität der Fraktion Die Linke)

Antrag der Fraktion der SPD, der Fraktion Die Linke und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Drucksache 18/2990

Ines Schmidt (LINKE):

Liebe Präsidentin! Liebe Abgeordnete! Liebe Zuschauerinnen an den Endgeräten! Corona trifft uns nicht alle gleich, die Krise wirkt wie ein Brennglas. – Wie häufig haben wir diese Sätze in den letzten Wochen gehört? Und natürlich stimmen sie, auch für die Gleichstellungspolitik. Die Coronakrise macht doch deutlich, dass es in erster Linie Frauen sind, die mit 75 Prozent Frauenanteil in den systemrelevanten Berufsgruppen vertreten sind. Sie sorgen maßgeblich dafür, dass das Leben trotz Coronakrise weitergeht. Dafür verdienen sie mehr als Klatschen und Hochachtung; sie brauchen eine Entlohnung, die ihrer Verantwortung und Leistung entspricht.

Die letzten sieben Monate waren eine Zerreißprobe für viele Familien, Ehen, Partnerschaften und Alleinerziehende. Viele unabhängig voneinander erhobene Daten wie zum Beispiel die des WZB, des Sozio-oekonomi­schen Panels SOEP und der Mannheimer Coronastudie zeigten die schlechte politische Realität in Deutschland: Die Vergangenheit ist zurück, die Aufgabenverteilung zwischen Männern und Frauen ist wie in alten Zeiten.

Was ist passiert? – Mütter, die in Teilzeit arbeiten, ziehen sich aus dem Arbeitsmarkt zurück. Über 20 Prozent von ihnen reduzieren ihre Arbeitszeit, gleichzeitig erhöht sich die Zeit, die sie für die Betreuung der Kinder aufwenden, für die Hausarbeit oder die Pflege von Familienangehörigen.

[Ronald Gläser (AfD): Ist ja schrecklich!]

All das ist eine unmittelbare Reaktion auf die in der Coronazeit geschlossenen Kitas und Schulen.

[Gunnar Lindemann (AfD): Sie haben sie doch
 geschlossen!]

– Möchtest du dir eine Nummer ziehen? Möchtest du jetzt reden? – Dann setze ich mich so lange hin.

[Christian Buchholz (AfD): Hinsetzen! –
Weitere Zurufe von der AfD]

Die Krise macht uns deutlich, dass wenn die öffentliche Infrastruktur wegbricht, darauf folgt, dass Mütter sich aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen und sich mehrheitlich alleine um Kinder und Küche kümmern. Väter dagegen treten deutlich seltener zurück, bleiben bei ihrem Arbeitsleben auch dann, wenn sie im Homeoffice arbeiten.

[Zuruf von der AfD: Was ist mit den Diversen? –
Weitere Zurufe von der AfD]

Vizepräsidentin Dr. Manuela Schmidt:

Einen Moment, Frau Abgeordnete! – Wenn Sie Gespräche führen möchten, dann bitte draußen. Hier drinnen redet einer, und das ist die Rednerin oder der Redner am Pult.

Ines Schmidt (LINKE):

Vielleicht haben sie draußen keine Gesprächspartner oder keine Freunde.

Was in der Krise auch extrem sichtbar wurde: Unsere Fachleute zu Corona sind vorwiegend männlich besetzt. Egal, ob es der Virologe, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung oder der Chef des Robert-Koch-Instituts ist – unsere Männer sind derzeit in ihrem Element. Medien berichten über Selbstinszenierung und Duelle unserer Herren, überall wird vermittelt: Männer haben Corona im Griff.

Mal ehrlich, unter uns Pastorentöchtern: Wären unsere Krisenstäbe von Anfang an – –

[Zurufe von Heiko Melzer (CDU) und
 Gunnar Lindemann (AfD)]

– Möchten Sie reden? Komm doch her, setz dich hier mit hin. Hier sind zwei Mikrofone, die können wir uns teilen.

Vizepräsidentin Dr. Manuela Schmidt:

Da Sie so großzügig sind, anderen das Wort zu erteilen, möchten Sie Herrn Kluckert vielleicht die Zwischenfrage gestatten?

Ines Schmidt (LINKE):

Nein, möchte ich nicht.

[Christian Buchholz (AfD): Schon wieder
leere Versprechen!]

Vizepräsidentin Dr. Manuela Schmidt:

Dann haben nur Sie das Wort!

Ines Schmidt (LINKE):

Wären unsere Krisenstäbe von Anfang an auch mit Expertinnen besetzt gewesen, wären frauenrelevante Themen nicht hinten runtergerutscht. Dann wären zum Beispiel Alleinerziehende mit Kind von Anfang an in der Liste der systemrelevanten Berufe aufgetaucht.

[Beifall bei der LINKEN –
Gunnar Lindemann (AfD): Sie sind doch in der
Regierung! Hätten Sie doch machen können!]

Mir fällt da ein Spruch ein, der seit 25 Jahren in meinem Büro hängt und bis heute nichts an Relevanz verloren hat: Frauen sind wie die Füße eines Elefanten.

[Christian Buchholz (AfD): Was?]

Sie tragen die Last der Gesellschaft, aber sie bestimmen nicht die Richtung. – Was mich so erschüttert, ist, dass eine Pandemie unsere erkämpften Positionen in der Gleichstellungspolitik um Jahre zurückwirft, denn wir alle wissen doch, was es heißt, wenn Frauen zurücktreten: Teilzeit, keine Aufstiegschancen, schlechte Beurteilungen, niedrige Rente und zum Schluss die Altersarmut.

[Gunnar Lindemann (AfD): Das liegt an Ihrer
Regierung, die Altersarmut!]

– Komm jetzt her, dann darfst du auch mal reden! Das kann doch nicht wahr sein. Bist du mit dem Düsenjet durchs Kinderzimmer geflogen? Also ehrlich!

Was müssen denn wir Frauen noch beweisen? – In der Krise haben wir die Mehrfachbelastung gemeistert, und das auf allen Ebenen. Und trotzdem wird es den Frauen gesellschaftlich nicht gedankt.

Deshalb fordern wir eine Studie, die die Benachteiligung von Frauen während der Krisenpolitik offenlegt. Wir wollen wissen – erstens –, ob die konjunkturellen Hilfsprogramme Frauen wie Männern gleichermaßen zugutekamen. Ich verspreche euch, bei dieser Antwort werden wir das erste Mal weinen.

Vizepräsidentin Dr. Manuela Schmidt:

Gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Tabor?

Ines Schmidt (LINKE):

Nein! – Zweitens wollen wir wissen, wie sich die Karriere- und Berufswege von Frauen nach dem Lockdown gestalten, und drittens, wie ihre Entgeltgruppen und Tarifbindungen aussehen. Diese Studie wird uns dann unterstützen, damit wir frühzeitig politische Maßnahmen ableiten und umsetzen können.

Ich sage es noch mal klar und deutlich: Wir müssen aus der Not dieser Tage lernen, denn die Ungleichverteilung zwischen Männern und Frauen ist noch lange nicht überwunden. Sie wird wieder zunehmen, und das wird entwürdigend für jene sein, die die meiste Arbeit für die Gemeinschaft stemmen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


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